„Peter und ich, wir waren immer ein gutes Tandem“

Hans Voß und Peter Müller im SportCentrum Kaiserau. | Foto: David Hennig
Hans Voß und Peter Müller im SportCentrum Kaiserau. | Foto: David Hennig

Knapp drei Jahrzehnte lang haben Hans Voß (87) und Peter Müller (64) junge Schiedsrichter durch den sogenannten „Wochenlehrgang“ im SportCentrum in Kamen-Kaiserau geführt. Die Unparteiischen wurden für höhere Spielklassen sensibilisiert – auch Regelwissen und Fitness wurden geprüft. Inzwischen haben sie die Leitung in jüngere Hände gegeben. Im Interview sprechen sie über die gemeinsamen Jahre, Druck im Schiedsrichterwesen und die Art und Weise der Betreuung.

Lieber Peter, lieber Hans, rund 30 Jahre lang habt Ihr gemeinsam den Wochenlehrgang betreut. Eine heimliche Talentschmiede für Westfalens Schiedsrichter?
Müller:  Das trifft es ziemlich gut. Ich schätze, rund 80% aller Teilnehmer haben es mindestens in die Landesliga geschafft – ein Großteil sogar noch höher.

Voß: Absolut. Bei einigen Schiedsrichtern kann man die Entwicklung heute ja wunderbar beobachten.

Für viele ist es der erste Lehrgang unter der Leitung des FLVW. Spürt man die Nervosität?
Müller:  Wer zum Wochenlehrgang nach Kaiserau kommt, ist im ersten Schritt schon ein Auserwählter. Der Kreis setzt auf euch und sieht langfristig eine Perspektive. Das haben wir vor den jungen Leuten immer wieder betont. Dieser Lehrgang hat eine enorme Motivationskraft. Es ist der erste Schritt – und deshalb ist er so wichtig. Es ging nicht nur um Regelkunde und Fitness, sondern vor allem um die Motivation für die Zukunft.

Was bleibt besonders hängen nach so vielen Jahren?
Voß:  Es ist hochinteressant, wie sich der Lehrgang im Laufe der Jahre entwickelt hat – zum Positiven, wie ich finde. Wir haben in den vergangenen Jahren ganz andere Persönlichkeiten kennen lernen dürfen als noch vor 20 Jahren. Die Teilnehmer sind heute viel jünger, aber im Kopf meist fit genug. Die Kreise bringen hervorragende Leute hervor, die teils minderjährig sind. Auch im Schiedsrichterwesen ist eine Art Wandel erkennbar.


Hans Voß

Seine Schiedsrichter-Prüfung legte Hans Voß im Jahre 1951 ab – und wie kaum ein anderer steht der nach wie vor für Loyalität und Ehrlichkeit. Acht Jahre lang pfiff Voß in der Bundesliga, im Jahre 1964 assistierte er beim DFB-Pokalfinale. Den Wochenlehrgang im SportCentrum Kaiserau betreute er ab dem Jahre 1985. Außerdem kümmerte sich der gelernte Industriekaumnann jahrelang um die Trainerausbildung. Für sein Engagement verließ der Verband dem Münsteraner vor einigen Wochen mit dem Ehrenring die höchstmögliche Auszeichnung.

Peter und Du, ihr geltet als unschlagbares Duo.
Voß:  Wir waren ein gutes Tandem, haben uns blind verstanden und gut ergänzt – trotz aller charakterlichen und äußerlichen Unterschiede (lacht). Wir waren oft einer Meinung und haben immer an einem Strang gezogen. Das war enorm wichtig.

Peter,wie würdest Du Hans in drei Adjektiven beschreiben?
Müller:  Habe ich wirklich nur drei?

Das muss reichen für den Anfang.
Müller:  Geradeaus, weil er immer seinen Weg geht. Hans hat sich nie verbiegen lassen. Kameradschaftlich, denn man konnte sich immer auf ihn verlassen. Auch heute noch. Und ehrlich, denn wir konnten uns immer in die Augen schauen. Hans ist ein unverkennbares Original.

Zurück zur Basis: Setzen sich junge Talente manchmal selbst zu stark unter Druck?
Voß:  Natürlich sind die Anforderungen für junge Schiedsrichter heute höher. Aber wer etwas erreichen will, muss auch Engagement zeigen. Das gilt in jeder Lebenslage.

Müller:  Der Druck kommt aber völlig ohne Not. Da muss man sich natürlich die Frage stellen, wie man den Druck ein Stück weit nehmen kann. Man sollte immer wissen: Der Schiedsrichter ist nie der Wichtigste auf dem Platz.

Inwiefern?
Müller:  Ein guter Schiedsrichter muss sich dem Spiel unterordnen können. Wenn dieser Job der Lebensinhalt ist, der dein Ego stärkt, dann bist du nicht mehr souverän.

Wie wichtig ist denn eine gesunde Fehlerkultur?
Müller:  Grundsätzlich gilt: es gibt kein fehlerfreies Spiel. Es wird immer wieder Situationen geben, die man besser hätte lösen können. Im Umkehrschluss gibt es immer wieder Szenen, die man in der Außendarstellung oder in der Beurteilung anders sieht. Aber auch daraus muss man lernen. Man kann aus jedem Spiel etwas mitnehmen – wirklich, aus jedem. Nur so kommt man weiter.

Denn auch ein Schiedsrichter lernt nie aus…
Müller:  Ganz genau. Selbst wenn man im ersten Versuch das persönliche Ziel nicht erreicht: es geht immer weiter. Das betone ich besonders gegen Saisonende immer wieder. „Jetzt erst recht!“, muss sich der Schiedsrichter denken. Das spricht für eine gewisse Souveränität.

Voß:  Ich habe das Gefühl, dass das von den allermeisten Scheidsrichtern auch verstanden wird. Man muss auch als Schiedsrichter Rückschläge verarbeiten können. Dann zeigt sich doch erst, wer es wirklich drauf hat.

Peter, Du betreust auch Schiedsrichter aus dem DFB- wie aus dem FLVW-Bereich als Individual-Coach. Eine Art Seelendoktor?
Müller:  Wie der Name es schon verrät: das ist individuell verschieden. Ich habe doch selbst alles erlebt und weiß, dass man auch mal aufgebaut werden muss, wenn Fehler passieren. Das Coaching dient unter anderem dazu, Rückschläge wegzustecken. Wenn ein Schiedsrichter Probleme monatelang mit sich herumträgt, werden sie immer mehr zur Last.


Peter Müller

Der Warendorfer beobachtet heute regelmäßig Partien in der Dritten Liga – und ist mit gleichem Engagement auch im Verbandsgebiet unterwegs. Der Oberstudienrat für Deutsch und Erdkunde aus dem Kreis Warendorf ist seit 1968 Schiedsrichter und seit 1972 Lehrwart. Den Wochenlehrgang bezeichnet er auch heute noch als „Herzensangelegenheit“.

Also sollte man sie lösen.
Müller:  Je früher, desto besser. Da erwarte ich von meinen Schützlingen auch Eigenengagement. Der Schiedsrichter weiß selbst am besten, woran er noch zu arbeiten hat. Der Coach kommt sicher nicht daher und zeigt mal eben, wie es geht. Das funktioniert so einfach nicht. Man muss aufeinander zugehen. Das Coaching wird bestimmt durch den Schiedsrichter. Eine Hierachieebene.

Du beobachtest regelmäßig in der Dritten Liga. Es kommt schon mal vor, dass du samstags bei Preußen Münster sitzt und 15.000 Zuschauer im Stadion sind. Und tags darauf beobachtest du im Regen auf einem dreckigen Sportplatz einen Schiedsrichter in der Bezirksliga…
Müller:  Und doch läuft es dort nicht anders. Letzterer hat die gleiche objektive Beurteilung verdient wie ein Schiedsrichter in der Dritten Liga. Ich muss mich als Beobachter immer in die Situation des Schiedsrichters hineinversetzen. Ich bin für den Schiedsrichter gekommen, nicht er für mich.

54 Spiele hast Du in der abgelaufenen Saison beobachtet. Tut Pause dann auch mal gut?
Müller:  Aboslut. Das braucht es einfach, denn sonst verkrampft man. Der Kopf wird frei und man geht mit einer ganz anderen Kraft in die neue Saison.

Hans, Du hast Deine Schiedsrichter-Prüfung im Jahre 1951 abgelegt. Niemals geht man so ganz, heißt es…
Voß:  Offiziell habe ich alle Ämter niedergelegt. Aber man kennt das ja: Wenn irgendwo Bedarf ist, springt man gerne ein. Ich bin froh, dass ich mein Leben heute selbst diktieren kann, denn früher hat das der Sport gemacht.

Rückblickend: Fehlt etwas?
Voß:  Absolut nicht. Ich habe eine lange und erfüllte Karriere gehabt. Ich habe dieses Hobby wirklich gerne gelebt – und Peter auch. Ich bin mir sicher: Sonst hält man das auch nicht so lange durch.

Geht es überhaupot noch ohne die Pfeiferei, Peter?
Müller:  Dieser Job hat mein Leben geprägt und das wird auch immer so bleiben. Ich merke aber schon, dass ich gelassener werde. Das hat nichts mit fehlender Motivation zu tun – ich glaube einfach, dass ich den Leuten so noch mehr mitgeben kann.

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Refugee? Referee!

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Schiedsrichter haben landesweit viele unterschiedliche Formen der persönlichen Motivation: Den einen reizt der finanzielle Ausgleich, mach anderen der kostenlose Eintritt zu allen Spielen auf DFB-Ebene. Die gewaltige Mehrheit allerdings agiert Wochenende für Wochenende aus vollster Überzeugung mit Pfeife oder Fahne in der Hand – mit Leidenschaft, Herzblut und maximalem Engagement. Die Religion des Einzelnen? Unwichtig. Die kulturelle Herkunft? Nicht von Bedeutung.

Besmir Rexhmati kam vor rund einem Jahr aus Albanien nach Deutschland. Ein begeisterter Fußballer, der sich für jede Form dieses Sports interessiert und informiert. Der 17-Jährige – im Mai wird er volljährig – lebt ohne seine Eltern in Deutschland, das One-Way-Ticket brachte ihn letztlich in den Kreis Steinfurt. Zu gering war die Lebensperspektive in der Heimat, zu groß der Wunsch nach persönlichem Wohlbefinden und Sicherheit.

Trotz aller Hürden gehört auch Besmir Rexhmati zur Schiedsrichter-Gilde im Kreis Steinfurt. Erst kürzlich hat er den Anwärterlehrgang durchlaufen und bestanden – nun er ist Steinfurts erster Refugee-Schiedsrichter. Gemeinsam mit Besmir legten neun weitere Steinfurter sowie ein Anwärter aus dem Kreis Tecklenburg ihre Prüfung erfolgreich ab.

Der 17-jährige Besmir (M.) und seine Lehrwarte: erfolgreiche Prüfung. (Foto: FC Galaxy)
Der 17-jährige Besmir (M.) und seine Lehrwarte: erfolgreiche Prüfung. (Foto: FC Galaxy)

„Wir wussten zu Beginn des Lehrgangs gar nicht, dass Besmir nur bedingt deutsch spricht. Das hat sich erst im Laufe des Abends herauskristallisiert“, berichtet Jan Lohmann, Lehrwart im Steinfurter KSA. „Er spricht die deutsche Sprache bereits sehr gut, aber natürlich kann er noch nicht alles verstehen.“ Die Prüfung war für Besmir trotz des sprachlichen Handicaps kein Problem: Die wenigen Fehlerpunkte fielen nicht ins Gewicht. „Wir waren positiv überrascht. Wir mussten manchmal zwar etwas langsamer reden, aber den Bogen hat er letztlich selbst ausgefüllt“, so Lohmann.

Die Sicherheit holt sich Besmir in den kommenden Wochen und Monaten auf dem Platz – in Eigenverantwortung. „Er hat das gleiche Potential wie jeder andere Anwärter. Auch hier sind die ersten Spiele sicher entscheidend“, glaubt Lohmann. Besmir wird zu Beginn seiner Laufbahn vorrangig im unteren Jugendbereich angesetzt und Unterstützung von einem erfahrenen Paten erhalten. Voraussichtlich wird ihn dieser Pate über die ersten drei Partien – so ist es sonst üblich in Steinfurt – hinaus in der Anfangszeit begleiten. „Wir gehen stark davon aus, dass die Vereine verständnisvoll reagieren werden, wenn etwa Spielbericht oder Passkontrolle unwesentlich länger dauern“, heißt es seitens des KSA.

Dass sich Besmir dem FC Galaxy Steinfurt angeschlossen hat, ist wenig überraschend. Der erst 2013 gegründete Kreisliga-A-Klub ist für sein Engagement bei der sportlichen Integration von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund deutschlandweit bekannt. Etwa die Hälfte der Spieler der ersten Seniorenmannschaft sind Migranten, drei Flüchtlinge haben sich erfolgreich im Team festspielen können. „Besmir wollte unbedingt den Lehrgang machen“, erzählt der 1. Vorsitzende Ali Pish Been, selbst als Unparteiischer aktiv. „Wir haben ihn gern angemeldet und sind gespannt, wie er sich entwickelt.“

Pish Been ist mit seiner Familie vor vielen Jahren selbst aus dem Iran geflüchtet, kann die Motive in der heutigen Zeit daher besonders gut nachvollziehen. „ Wir betreuen die Personen auch abseits des Platzes. Es wäre wenig sinnvoll, unser Engagement auf den Fußball zu beschränken“, sagt er. So ist es auch bei Besmir: Ihn hat Pish Been ebenfalls unter seine Fittiche genommen und für den Schiedsrichter-Job begeistern können. In den ersten Spielen möchte er „seinem“ Schützling – unabhängig vom Paten – zusätzlich beratend zur Seite stehen. „Es kann nicht schaden, wenn jemand Vertrautes dabei ist“, so Pish Been.

Flüchtlinge als Schiedsrichter – dieses Grundprinzip könnte sich in naher Zukunft in vielen Kreisen etablieren. In Steinfurt jedenfalls ist der Startschuss erfolgreich gefallen. Für den kommenden Lehrgang gehen die Verantwortlichen im Hinterkopf bereits mögliche Szenarien durch. Womöglich wird es in Kooperation mit den Nachbarkreisen einen zweiten Lehrgang in leicht veränderter Form geben. Nicht unwahrscheinlich, dass der FC Galaxy wieder seine Füße im Spiel hat.

„Ich würde nicht viel anders machen“

„Ich würde nicht viel anders machen“

Er galt bis zuletzt als einer der loyalsten Schiedsrichter im Verband: Thomas Altgeld war immer mit Leib und Seele dabei. Insgesamt 17 Jahre war der Referee des TuS Stockum aktiv an der Pfeife, zuletzt in der Regionalliga West. Damit war er der klassenhöchste Schiedsrichter im Kreis Bochum. Auf eigenen Wunsch beendete Altgeld im Sommer seine aktive Laufbahn. Im Interview mit Leonidas Exuzidis spricht der 35-Jährige über seine langjährige Erfahrung und seine ungewohnte Freizeitplanung.

Thomas Altgeld im Regionalliga-Einsatz in Kray | Foto: David Hennig
Thomas Altgeld im Regionalliga-Einsatz in Kray | Foto: David Hennig

Thomas, seit dem Sommer hast Du sonntags in der Regel frei. Was machst Du da um 15 Uhr?

Altgeld: (lacht) Das ist eine gute Frage, schwierig zu beantworten. Aber Langeweile ist bislang noch nicht aufgekommen. Man holt vieles nach, was aus zeitlichen Gründen zuvor etwas kürzer treten musste. Ganz klassische Dinge, wie etwa Freunde treffen, mit der Familie etwas unternehmen oder auch mal nur etwas entspannen.

Wie sehr fehlt Dir die Tätigkeit als Schiedsrichter, wie sehr genießt Du jedoch auch die freie Zeit?

Naja, darüber kann ich seit dem Sommer kaum nachdenken, da ich jede freie Minute – sonntags ausgenommen – in meinen Hausumbau investiere. Freie Zeit bleibt somit aus. Manchmal denkt man aber schon darüber nach, wie es war und welch tolle Erinnerungen haften bleiben.

Dein letztes Spiel war das Endspiel des Verbandspokals zwischen Verl und Lotte, das sogar im Fernsehen übertragen wurde. Hätte es ein schöneres Ende geben können?

Nein! Das war ein echtes Erlebnis zum Abschluss.

Blicken wir 17 Jahre zurück: Erinnerst Du Dich noch an die Anfangszeit als Schiedsrichter?

In Bruchstücken, ist ja schon ein paar Jahre her …(lacht). Wenn man Fotos aus alten Tagen sieht, dann ist es schon sehr amüsant, wie man gestartet ist.

Thomas Altgeld (Mitte) mit seinen Assistenten Marcel Brinkpeter (li.) und Claas Steenebrügge (re.) | Foto: David Hennig
Thomas Altgeld (Mitte) mit seinen Assistenten Marcel Brinkpeter (li.) und Claas Steenebrügge (re.) | Foto: David Hennig

Was war letztlich entscheidend für eine so erfolgreiche Karriere?

Ich war immer mit viel Spaß und Freude an der Sache dabei. Als junger Schiedsrichter habe ich stets versucht, mir etwas von den „Großen“ abzuschauen. Was letztlich zu mir passte, habe ich auch in meinen Spielleitungen umgesetzt.

Was hat Dich in der langen Zeit besonders geprägt?

Die Kameradschaft und die vielen guten Freundschaften, die auch jetzt noch privat halten.

Angenommen, Du könntest die Reset-Taste drücken: Was würdest Du rückblickend anders machen?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Aus jedem Spiel habe ich versucht, immer etwas Gutes mitzunehmen und dadurch besser zu werden. Ich würde grundlegend nicht viel anders machen – denn mit meiner Laufbahn als Schiedsrichter bin ich sehr zufrieden.

Lieber Thomas, vielen Dank für das Interview.

Der Unvollendete

Der Unvollendete

Es war der ständige Ehrgeiz, der Cetin Sevinc immer wieder antrieb. Der ihn motivierte, sich auch von großen Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen. Und der ihn zu eben dieser gestandenen Persönlichkeit macht, die er heute ist. Der langjährige Regionalliga-Schiedsrichter beendete im Sommer nach 16 Jahren seine aktive Laufbahn.

Ein Tag im Dezember 2009: Die Boulevardblätter unserer Zeit wittern einen weiteren Wettskandal im deutschen Fußball, medienintern glühen die Telefondrähte. Cetin Sevinc, Assistent in der 2. Fußball-Bundesliga aus dem Kreis Herne, steht unter Manipulationsverdacht. Der DFB belegt ihn mit einer sogenannten Schutzsperre, die ihn letztlich zu einer Pause von fast 14 Monaten zwingt. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger spricht von „neuen Beweismitteln, die den Tatverdacht […] sehr stark erhöhen“. Sevinc beteuert monatelang seine Unschuld, ohne sich dabei selbst zu profilieren – und soll am Ende Recht behalten, als die Vorwürfe allesamt fallen gelassen werden. „Das war keine Genugtuung, sondern einfach Erleichterung“, erklärt Sevinc rückblickend.

img_0079-sevinc-800pxNach über 400 Tagen dann das Comeback. „Es war ein schönes Gefühl, zumal ich die Pause auch nicht allzu lang empfunden habe“, so Sevinc weiter, „deshalb war ich auch sofort mittendrin. Für mich war da kein neuer Lernprozess nötig.“ Ein freiwilliger Rückzug aus dem Schiedsrichterwesen kam für Sevinc nie in Frage. Viel zu groß waren Reiz und Antrieb, nach der Zwangspause wieder Vollgas zu geben. Sevinc: „Viele Leute haben hinter mir gestanden, mir den Rücken gestärkt. Ich wollte all diesen Leuten damit zeigen, dass sie das zurecht getan haben.“ Gesagt, getan: Der Waltroper kehrt zurück und agiert, als sei er nie etwas gewesen.

Der Zeitpunkt ist gekommen

Nach 16 Jahren erfolgt nun der freiwillige Rückzug aus dem Schiedsrichterwesen. Aus vielerlei Gründen: Sevinc ist Familienvater, baut derzeit ein kleines Heim für seine Lieben. Am Wochenende war er zuletzt viel unterwegs – für das Töchterchen blieb da weniger Zeit. „Der Zeitpunkt des Abschieds war mir sehr wichtig“, sagt Sevinc. „Ich wollte dann gehen, wenn es am schönsten ist.“

Der Zeitpunkt ist nun also gekommen, Sevinc hat diese Entscheidung reif durchdacht und schließlich auch ganz allein gefällt. „Nach einer sehr erfolgreichen Saison und nach Betrachtung meiner Perspektivlosigkeit fiel mir die Entscheidung nicht schwer.“ Durchaus paradox, dass Sevinc von Perspektivlosigkeit spricht – mit dem Sprung in die dritte Liga wollte es wohl einfach nicht klappen. Erfolgreich war die abgelaufene Saison allemal. In der Regionalliga pfiff Sevinc eine vorbildliche Serie. An der Seite von Sören Storks in Liga drei agierte er ebenfalls gewohnt souverän, für Storks stand letztlich gar der Aufstieg in die deutsche Zweitklassigkeit zu Buche.

IMG_5168Und trotzdem ist Cetin Sevinc mit seinem Werdegang mehr als zufrieden. „Es ist gut so, wie es ist“, sagt er überzeugt. In seinen Worten jedoch, und das merkt man recht deutlich, kommt auch etwas Wehmut mit. „Was in meiner Macht stand, habe ich getan, um das Maximum zu erreichen. Aber es wäre leistungstechnisch sicherlich noch einiges drin gwesen.“ Den Kampf gegen die unsinnigen Manipulationsvorwürfe hat Cetin Sevinc gewonnen. Der Kampf gegen die Medien allerdings ist für eine Einzelperson kaum zu stemmen. Wohin Sevinc‘ Weg ohne diese Anschuldigungen geführt hätte, lässt sich heute pauschal nicht sagen. Man wird allerdings das Gefühl nicht los, dass noch mehr drin gewesen wäre.

Sei’s drum. Cetin Sevinc blickt nach vorne. Aber auch gern zurück: Als gestandener Regionalliga-Schiedsrichter hat sich Sevinc auf den Sportanlagen in Westfalen einen Ruf als konsequenter, aber immer sachlicher Schiedsrichter erarbeitet. 16 Jahre lang war er aktiv, die Schutzsperre von 14 Monaten mit eingerechnet. Highlights gab es zahlreiche. In der jüngsten Vergangenheit etwa die durchaus hektische Regionalliga-Partie zwischen Aachen und Oberhausen (0:0), die der Sender „Sport1“ live im Free-TV übertragen hatte.

Volles Haus in Leipzig

IMG_5240Das absolute Sahnebonbon hingegen stammt aus der Saison 2013/2014: Die Drittliga-Partie im Zentralstadion zwischen Red Bull Leipzig und Darmstadt 98 (1:0) wollten 39.147 zahlende Zuschauer sehen – es war der 35. Spieltag, beide standen sich Kopf-an-Kopf im Aufstiegsrennen gegenüber. Cetin Sevinc war dabei, gemeinsam mit Fabian Maibaum an der Seite von Thorsten Kinhöfer. „Das war schon etwas Besonderes“, sagt Sevinc rückblickend fast schon etwas schüchtern.

Seine Ziele hat sich Sevinc immer selbst gesteckt. Ein Schritt nach dem Anderen. Und alles zu seiner Zeit. Sevinc konnte gut kicken, entschied sich letztlich trotzdem für den Weg als Schiedsrichter. „Als Spieler“, sagt Sevinc, „hätte ich es mit etwas Glück vielleicht bis in die Oberliga geschafft. Aber auf keinen Fall in die Regionalliga. Ich habe immer versucht, mich voll auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Was danach kommt, ist Bonus.“

Ein Rat, den Sevinc auch jungen Schiedsrichtern immer mit auf den Weg gibt. Ein weiterer: Niemals unterkriegen lassen. Und gerade das hat Cetin Sevinc eindrucksvoll vorgemacht.

Aus Traum wird Realität

Aus Traum wird Realität

Die Freude hätte im Endeffekt kaum größer sein können. Für seine Leistungen auf einem konstant hohen Niveau wurde Sören Storks (VfL Ramsdorf, Kreis Recklinghausen) letztlich mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga belohnt – und ist nun auf einer noch größeren Fußballbühne unterwegs.

„Ich musste mich erstmal hinsetzen, als der Anruf kam“, erinnert sich Storks. Inzwischen hat der 28-Jährige die erfreuliche Nachricht auch voll realisiert – wenn auch mit etwas Anlauf. „Das hat schon ein paar Tage gedauert“, ergänzt er lachend. Unterhaching, Chemnitz und Kiel waren nur wenige der Orte, in denen sich Storks in der dritten Liga gut präsentierte. Seit 2013 pfeift er in der Dritten Liga, zu diesem Zeitpunkt erfolgte auch die Nominierung für die 2. Bundesliga als Schiedsrichter-Assistent. Zur neuen Spielzeit also reist Storks unter anderem nach Freiburg, Kaiserslautern und Nürnberg – jetzt aber als Mann an der Pfeife. „Zunächst gilt es, erstmal in der neuen Liga anzukommen“, äußert Storks vorsichtig, aber realistisch. „Danach wird man sehen, was möglich ist, aber um das einzuschätzen, ist es einfach noch zu früh.“

Erstliga-Luft hat Storks allerdings durchaus schon geschnuppert: Das mit 30.000 Zuschauern ausverkaufte Testspiel zwischen dem VfL Bochum und Borussia Dortmund stand unter seiner Leitung, ebenso das Ersrtundenmatch im DFB-Pokal zwischen dem Regionalligisten SV Elversberg und dem FC Augsburg aus der deutschen Beletage. Storks sagt: „Das Spiel in Bochum war mein Highlight der Vorbereitung. Es ist schon was Besonderes, wenn man vor ausverkauftem Haus so ein Ruhrderby leiten darf.“

Gelungener Einstand

Sören Storks in der letzten Saison während der Oberliga-Begegnung ASC Dortmund gegen Westfalia Herne | Fotos: Heike Derbort
Sören Storks in der letzten Saison während der Oberliga-Begegnung ASC Dortmund gegen Westfalia Herne | Fotos: Heike Derbort

Etwas Besonderes war auch der erste Einsatz als Schiedsrichter-Assistent in der Bundesliga: An der Seite von Sascha Stegemann feierte Storks in der Partie Hertha BSC gegen Werder Bremen (1:1) am 2. Spieltag einen gelungenen Einstand. „Das war Gänsehaut pur. Und die Anspannung hat sich auch nach und nach gelöst.“ Dass das Spiel insgesamt gut gelaufen ist, rundet das Wochenende passend ab.

Nach dem altersbedingten Ausschied Thorsten Kinhöfers (Kreis Herne) ist Storks gemeinsam mit Thorben Siewer (Kreis Olpe) das neue westfälische Aushängeschild. Schritt für Schritt hat sich der sympathische Blondschopf hochgearbeitet, viel Arbeit und Zeit investiert, um dort anzukommen, wo viele junge Referees heimlich hin schielen. Dem Bezirksliga-Aufstieg im Jahre 2007 folgte prompt der Sprung in die Landesliga und später auch in die Oberliga. Und ehe er sich versah, landete Storks schon auf der DFB-Liste. „Ich denke, dass jeder Schiedsrichter auf Verbandsebene bereits einmal davon geträumt hat, im professionellen Bereich aktiv zu sein. Aber Druck sollte man sich nicht machen, denn geht man mit Druck in die Spiele, dann funktioniert es meistens nicht.“ Mit jedem Aufstieg, so der Ramsdorfer, werde der Sprung in den Profibereich persönlich greifbarer.

Wenn es zeitlich passt, ist der 28-Jährige aber auch auf Verbandsebene immer mal wieder aktiv. Die Umstellung fällt ihm dabei relativ leicht. „Je höher du kommst, desto körperlich robuster ist das Spiel. Man muss sich da vielleicht ein bisschen anpassen, damit alle zufrieden sind.“ Die Anpassung scheint gut zu gelingen. „Zumindest hielten sich die Beschwerden bislang in Grenzen“, so Storks lachend.

Zeitintensive Tätigkeit

Trotz des anhaltendes Erfolges gibt es auch ein Leben außerhalb der Pfeiferei – und auch Storks, mittlerweile Zimmerermeister, muss es irgendwie schaffen, seine zeitintensive Tätigkeit mit dem Berufsleben in Einklang zu bringen. „Die Kombination klappt gut, weil ich mir meine Arbeit inzwischen selbst einteilen kann. Das funktioniert aber nur, wenn der Arbeitgeber dich unterstützt und dir die Kollegen auch mal den Rücken freihalten“, so Storks. Die tägliche Arbeit ist es aber auch, die ihn im sportlichen Höhenflug immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Im Normalfall, so der Ramsdorfer, gehe das ganz schnell. „Um 5 klingelt der Wecker und dann gehe ich arbeiten – wie jeder andere auch. Ich halte es für wichtig, auch mal andere Sachen als Fußball im Sinn zu haben.“

Es ist also alles angerichtet für ein erfolgreiches Debüt in der neuen Liga. Storks „Ich stehe in den Startlöchern und bin gewappnet. Es kann losgehen.“ Vier Spieltage musste er warten – am fünften Spieltag folgt das Debüt: Der Schiedsrichter der Begegnung FSV Frankfurt gegen FC St. Pauli (Sonntag, 13.30 Uhr auf Sky) heißt Sören Storks.

Herausforderungen bewältigt – auch der „Chef“

Herausforderungen bewältigt – auch der „Chef“

Nervös? „Nur ein bisschen“, antwortete Martin Gratzla mit leiser Stimme. Der erst 16-jährige Referee stand unmittelbar vor seinem ersten Einsatz mit einem eigenen Team – von Nervosität war tatsächlich wenig zu spüren. Und ebenso kleinlaut antwortete er nach dem Abpfiff: „Ich bin ganz zufrieden.“ In Wahrheit war das falsche Bescheidenheit, denn für das erste Spiel sah das schon richtig gut aus.

Martin Gratzla war einer von zwölf westfälischen Referees, die vom VSA für das U14-Sichtungsturnier des DFB im SportCentrum Kamen-Kaiserau eingeladen worden waren. Eine Woche kickten zehn Landesverbände der Republik gegeneinander – die Unparteiischen waren dabei täglich entweder als Schiedsrichter oder als Assistenten im Einsatz. Alle Partien wurden aufgezeichnet und anschließend gemeinsam mit dem Beobachter analysiert.

Lediglich vier Fouls musste Martin Gratzla (Gütersloh) ahnden. |Foto: Leonidas Exuzidis
Lediglich vier Fouls musste Martin Gratzla (Gütersloh) ahnden. |Foto: Leonidas Exuzidis

„Ich bin sehr zufrieden mit dieser Woche“, resümierte VSO und Lehrgangsleiter Michael Liedtke nach dem letzten Abpfiff. „Ihr habt alle toll mitgezogen und starke Leistungen gezeigt.“ Sonderlich gefordert waren die Referees allerdings nur in den wenigsten Spielen, denn die Anzahl der Fouls war – wie es bei einem Turnier der Landesverbände üblich ist – überschaubar. Vielmehr ging es um Verbesserungspotenzial im taktischen Bereich, um verbesserte Laufwege und cleveres Stellungsspiel.

Friedensnobelpreise in Kaiserau

Auch Martin Gratzlas Spiel war nicht sonderlich anspruchsvoll. Ganze vier (!) Fouls waren es nach Abpfiff, das erste Vergehen erfolgte nach 39 (!) von 60 Spielminuten. „Das Spiel hat einen Friedensnobelpreis verdient“, scherzte Beobachter Torsten Werner während der Partie. Für Gratzla, frischgebackener Bezirksliga-Referee, war es jedenfalls ein dankbares Debüt. „Das war auf jeden Fall eine Erfahrung wert“, so der junge Schiedsrichter aus dem Kreis Gütersloh, „zu dritt macht das doch deutlich mehr Spaß.“

Das Eröffnungsspiel pfiff Vanessa Arlt (Münster) gemeinsam mit ihren Assistenten Roland Kreuz (l.) und Janik Stork (r.). |Foto: FLVW
Das Eröffnungsspiel pfiff Vanessa Arlt gemeinsam mit ihren Assistenten Roland Kreuz (l.) und Janik Stork (r.). |Foto: FLVW

Nicht nur den 16-Jährigen packte in dieser Woche die Lust an der Pfeiferei. Auch VSO Michael Liedtke konnte nicht widerstehen – der 55-Jährige griff allerdings zur Fahne statt zur Pfeife. Bei einem kurzfristig vereinbarten Testspiel zwischen dem Regionalligisten Borussia Dortmund II und Fleetwood Town aus der zweiten englischen Liga assistierte Liedtke gemeinsam mit Timo Gansloweit Lehrgangsteilnehmer Patrick Holz, der das Spiel souverän und tadellos über die Bühne brachte. Eine starke Leistung im Gespann, die das gesamte Lehrgangsteam nach Abpfiff mit einem kräftigen Applaus honorierte. „Ich konnte einfach nicht anders. Das war klasse, mal wieder aktiv dabei zu sein“, zeigte sich der „Chef“, der äußerst ungern so genannt wird, zufrieden.

Philipp Hüwe sagte „Hallo“

Mit Philipp Hüwe war zusätzlich jemand zu Gast, der bereits dort ist, wo viele junge Referees mal hinwollen. Hüwe, Schiedsrichter in der Regionalliga und als Assistent frisch in die dritte Liga aufgestiegen, beantwortete geduldig und ehrlich die Fragen der kleinen Runde. „Ihr müsst von Schritt zu Schritt denken. Sonst scheitert ihr an euren eigenen Erwartungen“, so der gebürtige Coesfelder.

Besonders interessant: Hüwe betonte genau das, was auch die Mitglieder des VSA zu Beginn des Lehrgangs unterstrichen hatten. „Es kann nie schaden, sich nach Abpfiff mal einige Minuten mit dem Spiel auseinanderzusetzen. Mal zu überlegen: ‚Was hätte ich anders machen können? Wo muss ich mich verbessern?‘ Denn ein Spiel endet nicht nach 90 Minuten. Die Reflektion im Anschluss ist mindestens genauso wichtig.“

Diese Botschaft sollte nun angekommen sein: Denn die Reflektion war eines der Kernziele des Lehrgangs. Denn das Sezieren und Analysieren der gefilmten Einzelsituationen verkörpert genau diese Message: Was hätte ich besser machen können?

Die Lehrgangsteilnehmer (v.l.): Florian Meer, Philipp Hüwe (zu Gast), Sedef Eyeoglu, Timo Gansloweit, Lehrgangsleiter Michael Liedtke, Vanessa Arlt, Patrick Holz, Daniel Dembinski, Leonidas Exuzidis, Fabian Bodem, Martin Gratzla, Roland Kreuz, Dominik Doht und Janik Stork. |Foto: privat
Die Lehrgangsteilnehmer (v.l.): Florian Meer, Philipp Hüwe (zu Gast), Sedef Eyeoglu, Timo Gansloweit, Lehrgangsleiter Michael Liedtke, Vanessa Arlt, Patrick Holz, Daniel Dembinski, Leonidas Exuzidis, Fabian Bodem, Martin Gratzla, Roland Kreuz, Dominik Doht und Janik Stork. |Foto: privat

 

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