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Beobachter: Eine große Verantwortung

Beobachter Andreas Mermann trägt eine große Verantwortung | Foto: David Hennig

Es ist ein verregneter Septembertag. Schiedsrichterin Annika Paszehr macht mit ihren beiden Assistenten die Platzbegehung, als Beobachter Andreas Mermann auf der Platzanlage des Lüner SV ankommt. Ausgerüstet mit Schirm, Stift und Block wartet er an der Seitenlinie auf die Aktiven. Nach der kurzen, aber herzlichen Begrüßung geht es auf einen Kaffee ins Vereinsheim. Smalltalk. Es entwickelt sich ein lockeres, vertrautes Gespräch, bevor das Schiedsrichter-Team zur Vorbereitung in die Kabine verschwindet.

Für Schiedsrichter ist eine Beobachtung immer auch eine Drucksituation. „Ob Beobachtung oder nicht – es sollte keinen Unterschied machen. Als Schiedsrichterin muss ich immer eine gute Leistung bringen, immer das Beste geben“, erzählt Annika Paszehr. Die DFB-Schiedsrichterin gibt aber auch zu, dass es sich nie ganz ausblenden lässt, dass da draußen jemand sitzt. „Die Bewertung des Beobachters kann ja letztlich über Auf- oder Abstieg entscheiden.“

Andreas Mermann macht es sich auf der Tribüne bequem – etwas erhöht auf Höhe der Mittellinie, um möglichst gute Sicht auf das Spielfeld zu haben. Denn von hier muss er in den anstehenden 90 Minuten gleich genau wie das Schiedsrichter-Team auf dem Platz die Situationen auf dem Feld beurteilen und bewerten. Seit 2006 ist Andreas Mermann am Block aktiv, beobachtet Schiedsrichter bis zur Oberliga. „Ich sehe mich nicht als Richter sondern eher als Kumpel des Schiedsrichters, der ihnen Tipps gibt“, sagt Mermann. „Ich bin kein Freund davon, Positives und Negatives gegeneinander aufzuaddieren.“ Das Gesamtbild ist für ihn wichtig. „Ein Schiedsrichter sollte Spielverständnis mitbringen, nach Möglichkeit beide Mannschaften Fußball spielen lassen, vernünftig mit den Spielern umgehen und auch mit ihnen kommunizieren, statt sofort mit Karten zu hantieren.“

Schiedsrichterin Annika Paszehr | Foto: David Hennig

In der Westfalenliga spielt an diesem Tag der Lüner SV gegen die SG Finnentrop/Bamenohl. Die DFB-Schiedsrichterin wird gleich zu Beginn des Spiels gefordert, muss viele Zweikämpfe beurteilen. Schließlich gehen die beiden Mannschaften bei strömendem Regen auf dem nassen Untergrund ordentlich zur Sache. Im Trockenen sitzt Mermann, notiert fleißig in seinem Block. Viel Positives. Die Aufzeichnungen sind wichtig, denn neben einem Coaching-Gespräch nach dem Spiel muss er später zu Hause insgesamt neun Rubriken das Beobachtungsbogens ausfüllen: „Beschreibung des Spiels“, „Regelanwendung, Regelauslegung, Spielkontrolle, taktisches Verhalten“, „Disziplinarkontrolle / Anzahl der persönlichen Strafen“, „Persönlichkeit, Körpersprache, Umgang mit den Spielern und Offiziellen (Bank)“, „Körperliche Verfassung und Stellungsspiel“ sowie „Zusammenfassende Bemerkungen und Verbesserungsvorschläge“ – und bei Spielen ab der Landesliga werden noch drei weitere relevant: „Zusammenarbeit mit den Schiedsrichter-Assistenten“ und die einzelne Beurteilung der Schiedsrichter-Assistenten. „Regelanwendung und -auslegung – hier besonders die Zweikampfbeurteilung – und die Persönlichkeit sind dabei für mich die wichtigsten Dinge“, sagt Mermann.

In dreizehn Jahren hat er einige Spiele, zahlreiche Schiedsrichter gesehen. „Viele Spiele, in denen es richtig schlecht für den Schiedsrichter gelaufen ist, habe ich aber noch nicht gehabt. Doch wenn einer schlecht pfeift, muss er auch entsprechend benotet werden“, hält Mermann fest. Man müsse schließlich die Spreu vom Weizen trennen. Der  Beobachter muss letztlich durch  die  Bewertung  und  den  schriftlichen Bericht zum Ausdruck bringen, ob es sich um einen Schiedsrichter oder eine Schiedsrichterin mit Potenzial für höhere Aufgaben handelt oder  nicht. „Das ist schon eine große Verantwortung“, weiß Mermann.

Nach 90 Minuten ist es geschafft. Abpfiff. Zügig geht es in die trockene und warme Kabine. Nachdem der Spielbericht ausgefüllt ist, ziehen Schiedsrichter-Team und Beobachter ein Resümee der Begegnung. „Aus den Gesprächen nach den Beobachtungsspielen kann ich immer sehr viel mitnehmen“, sagt Paszehr. Als aktive Schiedsrichterin könne sie von der jahrelangen Erfahrung der Beobachter profitieren. Auch Mermann war viele Jahre in höheren Ligen aktiv, leitete Spiele in der Verbandsliga und war als Assistent in der Regionalliga, der damaligen dritthöchsten Spielklasse, tätig. Im Umgang mit den Beobachtern schätzt die Schiedsrichterin den offenen und ehrlichen Umgang, wenn gute Leistungen entsprechend honoriert werden, Fehler aber auch mit Abzügen versehen werden. „Kein Beobachter will einem Schiedsrichter etwas Schlechtes“, erklärt die Schiedsrichterin. Da sind sich Beobachter und Aktive einig, denn auch Mermann schätzt eine gewisse Lockerheit im Coaching-Gespräch nach dem Spiel. So darf auch mal gelacht werden – gerade heute. Denn auch hier sind sich nach dem Gespräch alle einig: Das war eine runde Leistung!  

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