Der Unvollendete

Der Unvollendete

Es war der ständige Ehrgeiz, der Cetin Sevinc immer wieder antrieb. Der ihn motivierte, sich auch von großen Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen. Und der ihn zu eben dieser gestandenen Persönlichkeit macht, die er heute ist. Der langjährige Regionalliga-Schiedsrichter beendete im Sommer nach 16 Jahren seine aktive Laufbahn.

Ein Tag im Dezember 2009: Die Boulevardblätter unserer Zeit wittern einen weiteren Wettskandal im deutschen Fußball, medienintern glühen die Telefondrähte. Cetin Sevinc, Assistent in der 2. Fußball-Bundesliga aus dem Kreis Herne, steht unter Manipulationsverdacht. Der DFB belegt ihn mit einer sogenannten Schutzsperre, die ihn letztlich zu einer Pause von fast 14 Monaten zwingt. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger spricht von „neuen Beweismitteln, die den Tatverdacht […] sehr stark erhöhen“. Sevinc beteuert monatelang seine Unschuld, ohne sich dabei selbst zu profilieren – und soll am Ende Recht behalten, als die Vorwürfe allesamt fallen gelassen werden. „Das war keine Genugtuung, sondern einfach Erleichterung“, erklärt Sevinc rückblickend.

img_0079-sevinc-800pxNach über 400 Tagen dann das Comeback. „Es war ein schönes Gefühl, zumal ich die Pause auch nicht allzu lang empfunden habe“, so Sevinc weiter, „deshalb war ich auch sofort mittendrin. Für mich war da kein neuer Lernprozess nötig.“ Ein freiwilliger Rückzug aus dem Schiedsrichterwesen kam für Sevinc nie in Frage. Viel zu groß waren Reiz und Antrieb, nach der Zwangspause wieder Vollgas zu geben. Sevinc: „Viele Leute haben hinter mir gestanden, mir den Rücken gestärkt. Ich wollte all diesen Leuten damit zeigen, dass sie das zurecht getan haben.“ Gesagt, getan: Der Waltroper kehrt zurück und agiert, als sei er nie etwas gewesen.

Der Zeitpunkt ist gekommen

Nach 16 Jahren erfolgt nun der freiwillige Rückzug aus dem Schiedsrichterwesen. Aus vielerlei Gründen: Sevinc ist Familienvater, baut derzeit ein kleines Heim für seine Lieben. Am Wochenende war er zuletzt viel unterwegs – für das Töchterchen blieb da weniger Zeit. „Der Zeitpunkt des Abschieds war mir sehr wichtig“, sagt Sevinc. „Ich wollte dann gehen, wenn es am schönsten ist.“

Der Zeitpunkt ist nun also gekommen, Sevinc hat diese Entscheidung reif durchdacht und schließlich auch ganz allein gefällt. „Nach einer sehr erfolgreichen Saison und nach Betrachtung meiner Perspektivlosigkeit fiel mir die Entscheidung nicht schwer.“ Durchaus paradox, dass Sevinc von Perspektivlosigkeit spricht – mit dem Sprung in die dritte Liga wollte es wohl einfach nicht klappen. Erfolgreich war die abgelaufene Saison allemal. In der Regionalliga pfiff Sevinc eine vorbildliche Serie. An der Seite von Sören Storks in Liga drei agierte er ebenfalls gewohnt souverän, für Storks stand letztlich gar der Aufstieg in die deutsche Zweitklassigkeit zu Buche.

IMG_5168Und trotzdem ist Cetin Sevinc mit seinem Werdegang mehr als zufrieden. „Es ist gut so, wie es ist“, sagt er überzeugt. In seinen Worten jedoch, und das merkt man recht deutlich, kommt auch etwas Wehmut mit. „Was in meiner Macht stand, habe ich getan, um das Maximum zu erreichen. Aber es wäre leistungstechnisch sicherlich noch einiges drin gwesen.“ Den Kampf gegen die unsinnigen Manipulationsvorwürfe hat Cetin Sevinc gewonnen. Der Kampf gegen die Medien allerdings ist für eine Einzelperson kaum zu stemmen. Wohin Sevinc‘ Weg ohne diese Anschuldigungen geführt hätte, lässt sich heute pauschal nicht sagen. Man wird allerdings das Gefühl nicht los, dass noch mehr drin gewesen wäre.

Sei’s drum. Cetin Sevinc blickt nach vorne. Aber auch gern zurück: Als gestandener Regionalliga-Schiedsrichter hat sich Sevinc auf den Sportanlagen in Westfalen einen Ruf als konsequenter, aber immer sachlicher Schiedsrichter erarbeitet. 16 Jahre lang war er aktiv, die Schutzsperre von 14 Monaten mit eingerechnet. Highlights gab es zahlreiche. In der jüngsten Vergangenheit etwa die durchaus hektische Regionalliga-Partie zwischen Aachen und Oberhausen (0:0), die der Sender „Sport1“ live im Free-TV übertragen hatte.

Volles Haus in Leipzig

IMG_5240Das absolute Sahnebonbon hingegen stammt aus der Saison 2013/2014: Die Drittliga-Partie im Zentralstadion zwischen Red Bull Leipzig und Darmstadt 98 (1:0) wollten 39.147 zahlende Zuschauer sehen – es war der 35. Spieltag, beide standen sich Kopf-an-Kopf im Aufstiegsrennen gegenüber. Cetin Sevinc war dabei, gemeinsam mit Fabian Maibaum an der Seite von Thorsten Kinhöfer. „Das war schon etwas Besonderes“, sagt Sevinc rückblickend fast schon etwas schüchtern.

Seine Ziele hat sich Sevinc immer selbst gesteckt. Ein Schritt nach dem Anderen. Und alles zu seiner Zeit. Sevinc konnte gut kicken, entschied sich letztlich trotzdem für den Weg als Schiedsrichter. „Als Spieler“, sagt Sevinc, „hätte ich es mit etwas Glück vielleicht bis in die Oberliga geschafft. Aber auf keinen Fall in die Regionalliga. Ich habe immer versucht, mich voll auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Was danach kommt, ist Bonus.“

Ein Rat, den Sevinc auch jungen Schiedsrichtern immer mit auf den Weg gibt. Ein weiterer: Niemals unterkriegen lassen. Und gerade das hat Cetin Sevinc eindrucksvoll vorgemacht.

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Aus Traum wird Realität

Aus Traum wird Realität

Die Freude hätte im Endeffekt kaum größer sein können. Für seine Leistungen auf einem konstant hohen Niveau wurde Sören Storks (VfL Ramsdorf, Kreis Recklinghausen) letztlich mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga belohnt – und ist nun auf einer noch größeren Fußballbühne unterwegs.

„Ich musste mich erstmal hinsetzen, als der Anruf kam“, erinnert sich Storks. Inzwischen hat der 28-Jährige die erfreuliche Nachricht auch voll realisiert – wenn auch mit etwas Anlauf. „Das hat schon ein paar Tage gedauert“, ergänzt er lachend. Unterhaching, Chemnitz und Kiel waren nur wenige der Orte, in denen sich Storks in der dritten Liga gut präsentierte. Seit 2013 pfeift er in der Dritten Liga, zu diesem Zeitpunkt erfolgte auch die Nominierung für die 2. Bundesliga als Schiedsrichter-Assistent. Zur neuen Spielzeit also reist Storks unter anderem nach Freiburg, Kaiserslautern und Nürnberg – jetzt aber als Mann an der Pfeife. „Zunächst gilt es, erstmal in der neuen Liga anzukommen“, äußert Storks vorsichtig, aber realistisch. „Danach wird man sehen, was möglich ist, aber um das einzuschätzen, ist es einfach noch zu früh.“

Erstliga-Luft hat Storks allerdings durchaus schon geschnuppert: Das mit 30.000 Zuschauern ausverkaufte Testspiel zwischen dem VfL Bochum und Borussia Dortmund stand unter seiner Leitung, ebenso das Ersrtundenmatch im DFB-Pokal zwischen dem Regionalligisten SV Elversberg und dem FC Augsburg aus der deutschen Beletage. Storks sagt: „Das Spiel in Bochum war mein Highlight der Vorbereitung. Es ist schon was Besonderes, wenn man vor ausverkauftem Haus so ein Ruhrderby leiten darf.“

Gelungener Einstand

Sören Storks in der letzten Saison während der Oberliga-Begegnung ASC Dortmund gegen Westfalia Herne | Fotos: Heike Derbort
Sören Storks in der letzten Saison während der Oberliga-Begegnung ASC Dortmund gegen Westfalia Herne | Fotos: Heike Derbort

Etwas Besonderes war auch der erste Einsatz als Schiedsrichter-Assistent in der Bundesliga: An der Seite von Sascha Stegemann feierte Storks in der Partie Hertha BSC gegen Werder Bremen (1:1) am 2. Spieltag einen gelungenen Einstand. „Das war Gänsehaut pur. Und die Anspannung hat sich auch nach und nach gelöst.“ Dass das Spiel insgesamt gut gelaufen ist, rundet das Wochenende passend ab.

Nach dem altersbedingten Ausschied Thorsten Kinhöfers (Kreis Herne) ist Storks gemeinsam mit Thorben Siewer (Kreis Olpe) das neue westfälische Aushängeschild. Schritt für Schritt hat sich der sympathische Blondschopf hochgearbeitet, viel Arbeit und Zeit investiert, um dort anzukommen, wo viele junge Referees heimlich hin schielen. Dem Bezirksliga-Aufstieg im Jahre 2007 folgte prompt der Sprung in die Landesliga und später auch in die Oberliga. Und ehe er sich versah, landete Storks schon auf der DFB-Liste. „Ich denke, dass jeder Schiedsrichter auf Verbandsebene bereits einmal davon geträumt hat, im professionellen Bereich aktiv zu sein. Aber Druck sollte man sich nicht machen, denn geht man mit Druck in die Spiele, dann funktioniert es meistens nicht.“ Mit jedem Aufstieg, so der Ramsdorfer, werde der Sprung in den Profibereich persönlich greifbarer.

Wenn es zeitlich passt, ist der 28-Jährige aber auch auf Verbandsebene immer mal wieder aktiv. Die Umstellung fällt ihm dabei relativ leicht. „Je höher du kommst, desto körperlich robuster ist das Spiel. Man muss sich da vielleicht ein bisschen anpassen, damit alle zufrieden sind.“ Die Anpassung scheint gut zu gelingen. „Zumindest hielten sich die Beschwerden bislang in Grenzen“, so Storks lachend.

Zeitintensive Tätigkeit

Trotz des anhaltendes Erfolges gibt es auch ein Leben außerhalb der Pfeiferei – und auch Storks, mittlerweile Zimmerermeister, muss es irgendwie schaffen, seine zeitintensive Tätigkeit mit dem Berufsleben in Einklang zu bringen. „Die Kombination klappt gut, weil ich mir meine Arbeit inzwischen selbst einteilen kann. Das funktioniert aber nur, wenn der Arbeitgeber dich unterstützt und dir die Kollegen auch mal den Rücken freihalten“, so Storks. Die tägliche Arbeit ist es aber auch, die ihn im sportlichen Höhenflug immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Im Normalfall, so der Ramsdorfer, gehe das ganz schnell. „Um 5 klingelt der Wecker und dann gehe ich arbeiten – wie jeder andere auch. Ich halte es für wichtig, auch mal andere Sachen als Fußball im Sinn zu haben.“

Es ist also alles angerichtet für ein erfolgreiches Debüt in der neuen Liga. Storks „Ich stehe in den Startlöchern und bin gewappnet. Es kann losgehen.“ Vier Spieltage musste er warten – am fünften Spieltag folgt das Debüt: Der Schiedsrichter der Begegnung FSV Frankfurt gegen FC St. Pauli (Sonntag, 13.30 Uhr auf Sky) heißt Sören Storks.

DFB-Schiedsrichter treffen sich in Kaiserau

DFB-Schiedsrichter treffen sich in Kaiserau

In der vergangenen Woche kamen die Spitzenschiedsrichter des FLVW auf Einladung des Verbandsschiedsrichterausschusses (VSA) im SportCentrum Kamen-Kaiserau zusammen. Hierbei stand neben dem fachlichen Austausch besonders der persönliche Kontakt im Vordergrund.

Seitdem Michael Liedtke, der Vorsitzende des VSA, vor zwei Jahren seine Amtszeit angetreten hat, treffen sich der VSA und die DFB-Schiedsrichter regelmäßig. „Ich habe den Eindruck, dass diese Treffen gut angenommen werden. Es ist auch ein kleiner Akt der Wertschätzung“, sagt Liedtke. Schließlich dürfe der VSA durchaus Kontakt zu seinen Spitzenkräften haben. Im ‚Tagesgeschäft‘ gibt es schließlich kaum Berührungspunkte. Der Kontakt beschränkt sich meistens auf Telefonate, E-Mails und Whatsapp-Nachrichten. Umso wichtiger ist es Westfalens Schiedsrichter-Chef, wenigstens ein Mal im Jahr zusammenzukommen, Erfahrungen auszutauschen und über aktuelle Schwerpunkte und Regelauslegungen zu sprechen.

So sollen in dieser Saison gerade das Halten und Zerren im Strafraumbereich rigoroser geahndet werden. Auch beim Torwartspiel werden die DFB-Schiedsrichter in dieser Saison genauer hinschauen. Ein weiterer Schwerpunkt war die Kommunikation innerhalb der Teams. „Auch die Schiedsrichter werden immer mehr dafür sensibilisiert, dass die Assistenten Hilfestellung brauchen – auch beim Abseits“, sagte Bundesliga-Assistent Christian Fischer. Dies sei gerade bei verlängerten Bällen der Fall oder wenn das Spielgerät vom Gegner kommt. „Eben in allen Situationen, in denen es zweifelhaft sein könnte“, so Fischer. Michael Liedtke brach dies auf die Amateurspielklassen hinunter, in denen auf diese Art nicht kommuniziert werden kann. Hier gestaltet sich eine mögliche Unterstützung deutlich schwieriger. „Der Schiedsrichter kann hier seine Assistenten höchstens mit einem Handzeichen unterstützen. Das sollte in der Absprache vor dem Spiel auf jeden Fall thematisiert werden“, riet der Vorsitzende. Dennoch: Ein wichtiger Aspekt für die Schiedsrichter, die zukünftig an den DFB-Bereich herangeführt werden sollen.

Drittliga-Schiedsrichter zu Gast

Drittliga-Schiedsrichter zu Gast

Auf der März-Schulung in Legden konnten die Schiedsrichter des Kreises Ahaus-Coesfeld am Montag einen ganz besonderen Gast begrüßen: Sören Storks, Drittliga-Schiedsrichter und Assistent in der 2. Bundesliga, war zu Besuch, um einen Vortrag zu halten. Nach der Begrüßung durch VKSA Christoph Hanck berichtete Sören Storks (Kreis Recklinghausen) über seine Spiele in der 2. und 3. Liga und konnte einige interessante Anekdoten erzählen.

Auf dem Schulungsabend überreichte VKSA Christoph Hanck (li.) seinem Gast aus Ramsdorf ein kleines Gastgeschenk | Foto: Kreis Ahaus-Coesfeld
Auf dem Schulungsabend überreichte VKSA Christoph Hanck (li.) seinem Gast aus Ramsdorf ein kleines Gastgeschenk | Foto: Kreis Ahaus-Coesfeld

Hierzu gehörten Einsätze in berühmten Stadien, wie der Allianz-Arena in München, dem Millerntor auf St. Pauli oder der Hafenstraße in Essen. „Vor 15.000 Zuschauern zu pfeifen oder bei 40.000 an der Linie zu stehen, ist schon ein tolles Gefühl. Einmal war ich Assistent bei einem Freundschaftsspiel von FC Köln – Arsenal London, da läuft einem dann Arsène Wenger über den Weg – schon beeindruckend“, so der 27-jährige Ramsdorfer.

Zusätzlich hatte Storks ein paar Videoszenen  dabei, die den Bundesligaschiedsrichtern jede Woche zu Schulungszwecken zur Verfügung gestellt werden. Diese wurden gemeinsam mit den anwesenden Schiedsrichtern analysiert und lebhaft diskutiert. „Man muss dort schon mit einem anderen Druck umgehen können als in der Kreis- oder Landesliga, allein schon wegen der Medien“, so Storks. Nach Abschluss des offiziellen Teils stellte sich der Drittligareferee geduldig den Fragen der heimischen Schiedsrichter. (dh)

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